Tabakwerbeverbote gefährden die Zukunft der Formel-1-Weltmeisterschaft |
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MAGNY-COURS - Beschränkungen oder Verbote von Tabakwerbung liegen im politischen Trend. Sie riskieren jedoch, die mächtigsten Sponsoren aus dem Motorsport zu vertreiben.
Wird die Formel-1-Weltmeisterschaft bald nicht mehr an den klassischen Orten in Europa, sondern nur noch in exotischen, vorwiegend asiatischen Ländern ausgetragen? Dies ist derzeit nur schwer vorstellbar, könnte aber in nicht allzu ferner Zeit Realität werden. Denn die in Europa und Nordamerika vielerorts angestrebte Einschränkung der Tabak-Werbung könnte dem Motorsport - insbesondere der Formel 1 - eine wesentliche finanzielle Stütze entziehen. Der Werbeaufwand der Tabakkonzerne für Teams, Rennen, an Strecken und mit Begleitmassnahmen wird auf 300 Millionen Franken pro Saison geschätzt. Sie sind damit die grössten Sponsoren im Zirkus.
Von Tabakfirmen als Hauptgeldgeber sind derzeit sechs der elf Rennställe abhängig: Williams (Rothmans), Ferrari (Marlboro), Benetton (Mild Seven), McLaren (West), Jordan (Benson & Hedges) und Prost (Gauloises). Völlig "tabakfrei" fahren in der Formel 1 nur Sauber und Stewart. Von den 17 Rennen haben vier Tabakfirmen als Titelsponsoren. So oft in den letzten Wochen Einschränkungen für Tabakwerbung in Ländern mit einem Formel-1-Rennen ins Gespräch kamen, so oft liess Zirkusdirektor Bernie Ecclestone wissen: Restriktive Massnahmen würden die Streichung der jeweiligen Rennen aus dem Kalender bedeuten.
Er habe, so Ecclestone, genügend Bewerber um Grands Prix. In den Verträgen mit den gegenwärtigen Veranstaltern sind Klauseln enthalten, die dem Internationalen Automobilverband (FIA) in solchen Fällen den Ausstieg gestatten würden. Und auch Max Mosley, Präsident der FIA, erklärte öfters, dass sich der Schwerpunkt der Formel 1 mehr und mehr von Europa nach Asien verlagern werde. Für 1998 rechnet man bereits mit Rennen in Malaysia (wo es schon jetzt mit Sauber-Sponsor Petronas und der Regierung, die Stewart mit Tourismus-Werbung unterstützt, zwei potente Geldgeber gibt) und Südkorea. Später könnte China folgen.
Erst zuletzt in Montreal war die Gefährdung des kanadischen GP ein heisses Thema - trotz bestehenden Vertrags bis 1999. Hauptsponsor ist ein Tabakkonzern (Imasco), der 70 Prozent des kanadischen Marktes beherrscht und mit seiner populärsten Marke (Player's) Namensgeber des Rennens ist. Ab 1. Oktober 1998 indes soll in Kanada Tabak-Sponsoring im Sport verboten werden. Das Ende des Grand Prix und der CART-Rennen in Toronto und Vancouver wäre die unvermeidbare Folge. Doch das Parlament in Ottawa liegt damit nur "im Trend" mit den meisten Regierungen in der Europäischen Union.
Die Hauptgeldgeber der Formel 1 müssen bereits bei den Rennen in Deutschland, Frankreich und Grossbritannien auf volle Werbemöglichkeiten verzichten. Logo ja, Schrift nein, lautet der bisherige Kompromiss. Die Situation könnte bald noch brisanter werden: In Rom diskutiert das Parlament ein komplettes Werbe- und Sponsoring-Verbot für Tabakprodukte. Ecclestone reagierte prompt: die Grands Prix von Italien und San Marino (Monza und Imola) seien dann zu streichen. In London kündigte derweil der neue Labour-Gesundheitsminister Frank Dobson ein ähnliches Gesetz wie die Kollegen in Rom an, Aehnliches wird von der neuen Links-Regierung in Frankreich erwartet. Schon weiter ist man in Belgien, wo das Werbeverbot per 1999 beschlossene Sache ist.
Dennoch: Einen Grossteil der Weltmeisterschaft in Südostasien auszutragen, kann auch nicht die Zukunft der Formel 1 sein. Da würden vermutlich weder Fans noch Sponsoren oder Fernsehen mitspielen. Die Fans haben vermutlich den geringsten Einfluss. Die internationalen Fernsehanstalten, die Milliarden für die GP-Rechte bezahlen, könnten Ecclestone aber noch grösseren Kummer bereiten. Und den Weg des allmächtigen 66jährigen in die Pension beschleunigen.
Fragezeichen statt Tabakname auf der Karrosserie
Quelle:
Publikations-Datum: 29. 6.1997
Seite: 50. Autor: VON GERHARD KUNTSCHIK